Kein Kindergeburtstag

Ganz persönliche Geschichten zum Blues

„Traditionelle Bestandteile des Blues sind früher wie heute überraschende Akzente, irreguläre Tempi und die häufige Verwendung von rubato- und portamento-Elementen…“ (Sampler-LP „Blues News“, 1969) Äh? Verdammt, wo habe ich nur das Fremdwörterlexikon hingeräumt? Rubato – soso, aha, und irreguäres Portamento – so etwas in der Art habe ich schon immer vermutet. Na gut, wenn´s der Wahrheitsfindung dient…

Als ich an diesem verdammten kalten Vormittag aufwachte, wurde mir ziemlich schnell klar: Das wird heute nichts! Vor ein paar Tagen war meine Alte mit einem andern abgehauen, ich hatte meinen miesen Job bei der Müllabfuhr verloren und die Jungs aus dem Schlachthofviertel waren wegen ihrer Kohle hinter mir her. Die Keilerei in der Kneipe war genauso hirnrissig gewesen wie die zweite Flasche J.D. anzubrechen – mir war kotzübel, Mann!

Blues - Boom BoomEin körniger schwarz-weiß-Film, abgefuckte Mietshäuser mit Feuerleitern, eingeworfenen Fenstern und verbeulten Amischlitten aus den Fünfzigern, Chicago oder so. Die Kamera fährt langsam auf eine Person zu, die auf einer Kiste am Straßenrand sitzt: schwarzer Hut, dunkle Sonnenbrille, weißes Hemd, schwarze Hose mit ledernen Hosenträgern und blitzblank polierten schwarzen Lederschuhen. Ein Fuß in Großaufnahme wippt fest und absolut gleichmäßig mit etwa 60 bpm. Aus dem Off wird der elektrisierende Sound einer seltsam verzerrten Gitarre stetig lauter, der Rhythmus wird von dem Boom-Boom-Boom-Boom des Schuhs unterstützt. Die Kamera zieht auf und zeigt jetzt den Mann, der nun auf einer Gitarre diese Akkorde spielt, ziemlich verloren vor der trostlosen Kulisse – Boom-Boom-Boom-Boom: John Lee Hooker.

Farbige – früher hat man sie Neger genannt – zupfen in zerschlissenen Klamotten Baumwolle auf einem Feld in den Südstaaten, in den rhythmischen Singsang mischt sich das nervige Quietschen eines Windrades, wie wir es aus unzähligen Western kennen.

Vergessen wir dieses folkloristische Idyll ebenso wie die trostlosen Chicagoer Straßenschluchten, tilgen wir die Blues-Brothers aus unserem Hirn und das ganze Genre-Geschwurbel wie „When I woke up in the mornin´…“ oder „O Lo´my Baby left me…“ und kümmern uns lieber um das Eigentliche: den Blues. Yeah!

Das Steindümmste, was man je dazu sagen kann, ist: „Er hat den Blues, Mann!“ Das klingt nach einer bakteriellen Blasenentzündung oder einer Art Geisteskrankheit, die einen meuchlings bespringt. Symptomatisch gehören übelste Ausdünstungen von Tabakrauch und Bourbon-Whisky dazu, um die korrekte Stimme zu haben, gurgelt man dreimal täglich mit Rollsplitt und trainiert, wo immer es geht, den von der Welt existenziell enttäuschten Blick ins Leere.

Meine Großmutter pflegte, wenn ich als Knäblein im zarten Alter mal wieder mit mir und dem Rest der Welt haderte und traurig mit meinem Hund in der Küche hockte, ihre fragile aber starke Hand um meine Schulter zu legen und mir mit den Worten in breitestem Sächsisch Mut zuzusprechen: „Nu, mei Schunge, biste wieder bluselich, newahr?!“

He got the Blues ...

Es sind nicht die Tonika – Dominante – Subdominante-Akkorde mit Moll-Einsprengseln, die auf einer grenzwertig gestimmten Gitarre herunter geschrammelt werden, oder jaulend-vernuscheltes Mundharmonikagebläse, es ist nicht die wegbrechende, kehlige Stimme, die Wortendungen verschluckt und stets irgendwie verloren tönt, es ist nicht der Habitus des Künstlers, der auf der viel zu engen, nach Schweiß müffelnden und schlecht ausgeleuchteten Bühne einer Vorstadtkneipe versucht, nur ja keinen Blick durch die dunkle Sonnenbrille in seine Augen dringen zu lassen, es ist nicht der Text, den ja sowieso keiner versteht, denn hier geht es ja schließlich um Kunst – was ist es dann, verdammt noch mal?!

„Der Blues ist ein kalter, grauer Tag, nichts weiter. Der Blues hat keinen Freund. Der Blues ist nichts. Der Blues ist der Blues.“ Na, prima, will man da Duke Ellington zurufen, dem dieses sinnerhellende Zitat zugeschrieben wird. T-Bone Walker setzte noch einen drauf und meinte: „Der Blues steckte in mir, bevor ich geboren wurde. Man muss den Blues leben, Mann.“ Wir wissen nicht, welches Gen für den Blues zuständig ist, aber es ist allemal besser als das, welches für androgyne Alopezie zuständig ist.

Dabei kann einen der Blues auch schon an den Rand des Wahnsinns treiben, z.B. wenn man 24 Stunden am Tag den „Subterranean Homesick Blues“ von Bob Dylan hört oder aber eine meterdicke Depression mit larmoyantem Existenzialismus verwechselt. Blues hat ja entgegen landläufigen Vorurteilen nicht ausschließlich mit Traurigkeit oder Verzweiflung zu tun – sicher, diese Sujets werden natürlich auch bedient, jedoch erzählt der Blues in erster Linie Geschichten, die nicht unbedingt klebrig-rosafarbenen Werbeclips entstammen sondern eher in gebrochenem Grau-Blau daherkommen, die eben diese Gebrochenheit sicht- und hörbar werden lassen. „I´m leavin´in the mornin´, don´t know which way to go…“ beschreibt ziemlich genau die Ratlosigkeit und die Rastlosigkeit, einerseits das Getrieben-werden und das sich Treiben-lassen, aber auch das Maulen und Jaulen über eben diese Phase im Leben, in der man die Wände hochgehen könnte, wenn man sie schon nicht einreißen kann: es geht irgendwie schon weiter!

Die Philosophie kennt den Begriff der Geworfenheit, die einen irgendwann im Leben glasklar wie ein Blitz durchfährt: Hey, du bist verdammt nochmal hier auf diesem Planeten und hast gefälligst zu leben, egal wie, aber beklag dich nicht, es hätte schlimmer kommen können!“ Oder so etwas in der Art. Und dann noch die Sinnfrage – mein lieber Herr Gesangverein, wer hätte gedacht, welche Tiefen im Blues stecken!

Er, der Blues, ist freilich ein cleveres Kerlchen: Er krallt sich in deinen Nacken, frisst sich in Herz und Hirn – manchmal auch in die Leber – und sondert in individuell divergierenden Dosen das Hormon Imsosad ab, was bestenfalls zu einer beispiellosen Musiker- oder auch Schauspielerkarriere führen kann, meist aber in dieser oben beschriebenen Gebrochenheit stecken bleibt. Dies führt dazu, dass immer nur die anderen Schuld sind: Die Freundin verlässt einen mit einem anderen Typ, beim letzten Pokerspiel wurde mit gezinkten Karten gespielt, das Arschloch von Abteilungsleiter hatte eine sadistische Freude an der dritten Abmahnung und die Werkstatt hat beim letzten Ölwechsel den Filter sicher nicht richtig festgedreht… Entlarvt man dieses Unwesen in seinem Selbst und gelobt fortan Besserung, pfeift der Blues in schrillsten Tönen auf dem letzten Loch und kübelt einem die ganzen und letzten Lebenswahrheiten vor die ohnehin lädierte Seele: „Hör ma´, Mann, für den ganzen Scheiß bist du selbst verantwortlich, schieb dir deine Melancholie doch irgendwohin, du bist für den wahren Blues des Lebens eh viel zu schwach!“ Das hat gesessen, und nunmehr ist man nur noch ein Schatten seiner selbst, von allen Freuden und Freunden verlassen und sogar vom Blues! Das hält keiner aus, sag ich mal so.

Stagger Lee Rawlins war in den 1930er Jahren dafür berühmt und berüchtigt, dass seine Auftritte stets in einer Massenschlägerei endeten; einen wuchtigen Schlag auf seinen Kopf mit einer Dobro hat er dann doch nicht überlebt. Matt „two lost“ Walters hatte bei einem Unfall im Schlachthof – so die Legende – zwei Finger seiner Griffhand eingebüßt und machte dieses Manko durch eine schier unglaubliche Schnelligkeit mehr als wett (unterstützend hatte er seine Gitarre nur mit 5 Saiten bestückt und bevorzugte teilweise abenteuerliche Open-Tunings). Mumblin´Joe-Joe Duncan konnte weder lesen noch schreiben und hatte einmal die Whiskyflasche mit einer Pulle Spiritus verwechselt, was ihm ein unüberhörbares Nuscheln und somit seinen Beinamen einbrachte.

Derartige Charakterzüge und Lebensgeschichten kann nur der Blues schreiben und singen, das lässt uns andächtig und ehrfurchtsvoll schmunzelnd nicken – das ist das wahre Leben, so soll es sein: prall und ehrlich, kantig und verletzlich, urlebendig und nur ein Zeh breit vom persönlichen Zusammenbruch entfernt.

Hört man sich heute die alten 78er Platten an, hat man den Eindruck, die Jungs hätten stinkbesoffen in ein Kohlemikrophon geröchelt, das in einer rostigen Gießkanne montiert war und anschließend ist eine Truppe Pfadfinder mit Lederstiefeln über die Platten marschiert – vielleicht war es wirklich so?!

„Das Leben ist kein Kindergeburtstag, und der Blues bläst dir auch noch die Kerzen aus.“

Ein Beitrag vom ollen Michael „Bukow“ Schulze

 

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