Die Sprache des Blues ist international

„What are you doin’ here?“ Es war nachts, so gegen 3 Uhr. Entgegen meiner Gewohnheit hatte ich Whisky getrunken, vielleicht ein paar Glas zuviel. „What are you doin’ here?“ Die Royal Canadian Mounted Police war mir aus Bildern und Filmen immer hoch zu Roß, groß gewachsen mit so schönen breitkrempigen Hüten und strahlendem Lächeln in Erinnerung.

Diese hier sahen ganz anders aus. Eher grimmig dreinschauend, mit einem schlammigen Pick Up. Sie waren zu viert, alle eher breit als hoch gewachsen. Ich steckte kopfüber im Fußraum unseres Pick Ups. Hier fahren alle Pick Ups, geht gar nicht anders. Der Permafrost, der im Sommer die oberen Schichten des Erdreichs zur Erwärmung freigibt, lässt überall Schlamm entstehen. „Was machen sie da?“ Der Ton wurde schärfer. Dabei war doch alles so geil gewesen heute Nacht. Zehn Pfund Adrenalin schossen durch meine Adern. Kurz nach Mitternacht hörten mein Freund Thorsten und ich mitten in der Wildnis im Yukon, in Dawson-City wirklich ausserirdische Klänge. „Da machen welche richtig Musik!“ stellte ich fest. „…die spielen live!“ Nix wie hin.

Blues International - Canada

Ursache für den Schiefstand: der aufgeweichte Boden im Sommer, wenn der Permafrost die oberen paar Zentimeter freigibt. Wenn nicht ständig nachgeholfen wird, sieht es nach ein paar Jahren so aus.

Es war ein relativ großer Club, vielleicht hundert sehr fröhlicher Musik- und Whiskyliebhaber feierterten ausgelassen. Die Indianer, Natives werden sie hier genannt, ein paar verirrte Cowboys, eine handvoll darauf eingestellter netter Mädels und dann wir. Ich hatte nur Augen für die Musikanten. Zwei Gitarren, eine Fiddle, ein Keyboard, ein Schlagzeug und ein – unbesetzter E-Bass. Ich musste da rauf, es kribbelte in den Fingern.

Nun ist es relativ einfach, mit dem Bass auch unbekannte Musik zu begleiten. Man findet sich in den Rhythmus, schaut dem Guitarrero auf die Finger um die Tonart herauszufinden und wartet ein, zwei Verse ab und macht mit. Den Herren schien es zu gefallen, und wir spielten eine Weile. Dann fasste ich mir ein Herz. „May I get the guitar?“. „What’s your name, where are you from?“ Ich wurde angesagt: „Fred from Germany, givem a Hand!“ Und dann kam etwas, was eben überall auf der Welt so ist. Ich gab die Tonart vor, zählte bis vier und dann wurde BLUES gespielt. Mit Fiddle! Es war so geil. Ich durfte, musste noch ein paar weitere Stücke spielen, vielleicht ne halbe Stunde. Zwischendrin ein Ausflug ins jazzige, die Tonarten wechselten, die Griffe wurden komplizierter, aber immer Blues, immer die heiligen 12 Takte. Der Bandleader und ich lagen uns in den Armen, die Leute riefen – auf Deutsch! – Zugabe, Zugabe! und mit Chuck Berrys 12taktigem „Johnny B. Goode“ wars dann erstmal gut.

Blues im Yukon

So was wird im Yukon als Hotel „Cabin“ geführt – uns hats gefallen

Der Blues ist tatsächlich internationale Sprache. Oder noch besser gesagt, Musik. Und der Blues ist der Schlüssel dazu. Die 12 Takte brauchen keine Erklärung, egal wie oder mit welchem Turn Around, welcher Tonart auch immer (ist ein Sax dabei, gerne auch mal in F  ), man versteht sich sofort. Klar, der Blues kann gedehnt werden auf 24 Takte oder er hält den Grundakkord, die Tonika, 10 Takte lang und wechselt dann erst zur Dominante und zurück zur Subdominante (also z.B. bei A-D-E spielt man 10 Takte A, dann 1 Takt E, dann über 1 Takt D wieder zurück zum Anfang. Oder… der Blues ist unendlich).

Der Blues ist auch so frei und wechselt seinen Grundakkord überhaupt nicht wie bei „Mannish Boy“ von Muddy Waters oder wie in der Compilation „The Story of The Blues“ von Paul Oliver „Fra-Fra-Tribesman“ zu hören ist. Geteilt wird aber mit der Zauberzahl 12. Na ja. Fast immer. Wenn z.B. Champion Jack Dupree erstmal aus dem Leben erzählt und dann scheinbar spontan in den Akkordwechsel übergeht ist wieder alles ganz anders. Oder wenn Charley Patton…

Wie sich herausstellte, waren alle Musiker bis auf den Fiddler Natives und der Club war eigentlich total indianisch. Es roch nach der weltumspannenden Geliebten Maria Huanita und es machte etwas die Runde, was sie „Hard Lemonade“ nannten. Ich trank nicht davon, sondern Whisky, was ich genauso schrecklich fand.

Blues in Hessen

Leider kein Foto aus Dawson, aber auch eine geile Jam-Session – der Blues kommt überall hin, auch nach Südhessen ins Fussballerheim. 🙂

Es dauerte schon eine Weile, bis ich den kräftigen Herren klar machen konnte, dass ich ja nur den Zimmerschlüssel unserer Holzbaracke suchte. Und heute weder gefahren war oder fahren wollte. Wir waren ja per Pedes unterwegs und hatten alle unsere Wertsachen im Truck eingeschlossen, die Blockhütte war nicht sehr sicher. „I’m looking for my keys!“ wiederholte ich ein paar Mal, was beim ersten Mal heftiges Gelächter auslöste. Klar, die dachten, ich suche den Zündschlüssel. Ne, ne, den hielt ich ja in der Hand. Der breiteste aller Royal Policemen schob mich weg und leuchtete in den Fußraum. Der etwa 20 cm lange Türschlüssel unserer Unterkunft schien ihn zu besänftigen. Ich weiss wirklich nicht, wie ich aus der Nummer rauskam. Aber irgendwann fuhren sie weiter, relativ freundlich. Als ich an die Hütte kam, schlief mein Freund Thorsten selig vor der Tür.

Am nächsten Abend wären wir gerne noch mal hin, aber leider ging die Reise wieder in Richtung Whitehorse.

Home, home on the road…

 

Comments

  1. Ulrich Strauß says:

    Super.

    Grüße
    Uli

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